Das Bahnbetriebswerk Jünkerath

(von Wolfgang Kreckler)

Einst trugen Jünkerather Lokomotiven die Hauptlast auf der Eifelstrecke; auch auf der Ahrstrecke und der Losheimer Strecke fuhren Jünkerather Lokomotiven. Jünkerath war Heimat vieler Baureihen, besonders erwähnenswert ist an dieser Stelle die preußische P 10, der wir hier ein eigenes Kapitel widmen..

 

Die nachfolgende kurze Darstellung erzählt von der wechselvollen Geschichte des Bahnbetriebswerkes Jünkerath. Die Angaben wurden - stark verkürzt - dem Buch “Eisenbahngeschichte des Ortes Jünkerath” entnommen, welches die Eisenbahnfreunde Jünkerath 1995 herausgegeben haben.

 

Schon mit dem Bau der Eifelstrecke scheint es, dass man die günstige Lage Jünkeraths zur Vorbereitung von Lokomotiven erkennt. Vor der Steigung hinauf bis zur Wasserscheide zwischen Rhein und Mosel bei Schmidtheim bietet sich das Gelände in der Nähe des Bahnhofs Jünkerath an, einen Schuppen zur Unterstellung und Wartung der benötigten Lokomotiven zu errichten. Hier findet ein Lokwechsel bei durchgehenden Zügen statt, und Schiebeloks für den „Schmidtheimer Berg“ müssen bereitgehalten werden.

Sammlung Heinz Regnery

Ein Bahnbetriebswerk gibt es allerdings erst einige Jahre später. 1893 kommt es zur Einrichtung einer „Preußischen Maschinenwerkstätte Jünkerath“, die bald darauf um den Hebeschuppen vergrößert wird. Bis zum Jahre 1910 kommt man mit den vorhandenen Betriebsanlagen aus.

 

Erst im Zusammenhang mit dem Bau der Strecken Dümpelfeld – Jünkerath und Jünkerath – Losheim – Weywertz erfährt das Bw eine bedeutende Erweiterung. Die neu zu bedienenden Strecken erfordern eine größere Anzahl von Lokomotiven. Neben der alten Lokremise entstehen ein 18-ständiger Ringlokschuppen und der Langschuppen.

 

Außerdem wird ein neues Verwaltungsgebäude errichtet. Für den März 1914 liegt eine Übersicht über die Betriebswerkstätten vor. Die Zahl der Lokstände in Jünkerath wird hier mit 40 angegeben.

 

Im Jahr 1920 endet die Zeit der „Preußischen Eisenbahnverwaltung“ und die Eisenbahn geht in das Eigentum des Reiches über. Finanzielle und wirtschaftliche Gründe machen es erforderlich, die „Reichsbahn“ vom Reich unabhängig zu machen und am 11.10. 1924 wird die „Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft“ gegründet. Knapp 9 Jahre später - am 30. Januar 1933 - übernehmen die Nationalsozialisten die Macht in Deutschland. Bald darauf beginnen Aufrüstung und Kriegsvorbereitungen. Durch Maßnahmen wie den Westwallbau bekam auch die Eisenbahn in der Eifel neue Aufgaben. Für Mai 1938 liegt eine Auflistung des Lokbestandes des Bw vor. Zu dieser Zeit sind in Jünkerath stationiert:

 

 

Baureihe

Anzahl

3810-40

6 Stück

39

7 Stück

5525-56

1 Stück

5710-40

14 Stück

935-12

4 Stück

Nicht zuletzt kriegsbedingt erreicht das Bw Jünkerath im Jahre 1939 mit annähernd 500 Bediensteten seinen Höchststand. Diese betreuen etwa 40 Lokomotiven sowie einige Triebwagen der Baureihe VT 135, die ebenfalls seit 1934 in Jünkerath stationiert sind. Mit Beginn des 2. Weltkrieges nimmt der Verkehr auf den Jünkerath berührenden Strecken stark zu. Militärtransporte rollen Tag und Nacht in Richtung Westen.

 

1941 erhält das Bw Verstärkung durch drei fabrikneue Maschinen der Baureihe 50. Die ersten Tenderlokomotiven der Baureihe 86 gelangen 1942 nach Jünkerath. Sie übernehmen u.a. die Leistungen der Triebwagen, die um diese Zeit Jünkerath verlassen haben. Weitere Lokzugänge kann das Bw in Form französischer und belgischer Maschinen verzeichnen.

 

1942 beginnen die ersten Tieffliegerangriffe. Im Herbst des Jahres 1944 treffen Bomben die große Drehscheibe und beschädigen sie. Bis auf die Werkstatt, das Verwaltungsgebäude und die Kamine bleib im Bw fast nichts von Bomben verschont.

 

In Voraussicht auf das baldige Ende des Krieges bereitet man ab Anfang Januar 1945 alles für den Rückzug vor. Am 20. Februar 1945 werden die letzten Loks bei Nacht über die Ahrstrecke in Sicherheit gebracht. Am 7. März marschieren die Amerikaner in Jünkerath ein. Wie vieles andere liegt auch das Bahnbetriebswerk in Schutt und Asche.

 

Schon bald beginnt der Wiederaufbau. Am 11. Juli 1946 trifft erstmals wieder eine Lok in Jünkerath ein. Bis dahin hilft man sich mit einer Kleinlok, die per LKW im Herbst 1945 angeliefert worden sein soll. Im Oktober wird auch die Baureihe 50 wieder in den Listen des Bw geführt, spätestens 1947 auch die Baureihe 58. Im April 1951 arbeiten bereits wieder 284 Menschen im Bw:

Funktion

Anzahl

Stationäre Beamte:

23

Oberlokführer:

13

Lokführer:

31

Reservelokführer:

12

Ober-Lokheizer:

12

Lokheizer:

20

Hilfsbeamte:

36

Betriebsarbeiter:

58

Werkstättenarbeiter:

62

Lehrlinge:

17

Carl Bellingrodt

Die Renovierung und der Neubau der Gebäude und Einrichtungen gehen nach und nach dem Ende entgegen. Im Jahre 1953 sind die meisten schwerwiegenden Schäden behoben, die der Krieg hinterlassen hat. Das Bw Jünkerath hat wieder eine große Zeit. Abgesehen von den Jahren 1954 – 1957 bespannen Jünkerather P 10 (Baureihe 39) die Schnellzüge zwischen Köln und Trier bzw. Saarbrücken. Durchgehende Güterzüge, zu Beginn des Jahrzehnts von der Reihe 58 des Bw Jünkerath gezogen, und Tenderloks und Triebwagen auf den Nebenstrecken nach Losheim und an die Ahr beherrschen das Bild.

 

Der 1. April 1959 bringt für die Organisation des Bw Jünkerath ein einschneidendes Ereignis. Die bis dahin eigenständigen Bw Kreuzberg und Gerolstein werden aufgelöst und dem Bw Jünkerath zugeteilt. Das Bw Kreuzberg wird zur „Außenstelle des Bw Jünkerath“, und Gerolstein erhält die offizielle Bezeichnung „Bw Jünkerath, Lokabteilung Gerolstein“. In Dienstplänen gebräuchlich ist aber auch die Bezeichnung „Bw Jünkerath, Bw-Gruppe Gerolstein“.

 

Bald ist von einer Neuorganisation der Direktionsbezirke die Rede. Gerüchte, nach denen Jünkerath wieder an die BD Köln abgegeben werden soll, machen die Runde. Ob die Zusammenfassung der Bw Jünkerath und Gerolstein damit in ursächlichem Zusammenhang steht, vermag niemand zu sagen. Doch eines ist sicher: Gerolstein würde bei einer Neuaufteilung bei der BD Saarbrücken verbleiben. Jedenfalls müssen die Jünkerather schweren Herzens mit ansehen, wie die VT 95-Betreuung nach Gerolstein verlagert wird. Gleich nach der Zusammenlegung demontiert man noch im Jahre 1959 die modernen Mot-Anlagen, um sie in Gerolstein neu aufzubauen.

Sammlung Wolfgang Kreckler

Für die Lokpersonale und Lokomotiven ändert das bezüglich ihres Einsatzes vorläufig nichts. Die Bespannung der überwiegenden Zahl der durch die Eifel fahrenden Züge bleibt Domäne Jünkerather Lokomotiven. Immer noch fahren die mittlerweile bei Eisenbahnfreunden zu beachtlichem Ansehen gelangten 39er mit Schnellzügen nach Köln, Trier und auch noch nach Saarbrücken. Die Baureihen 50, 86 und 93 machen sich im Personen- und Güterverkehr sowie im Rangierdienst nützlich.

 

Doch die Annahme, in Jünkerath sei die “Bahnwelt” noch in Ordnung, ist trügerisch. Trotz, oder besser, gerade wegen der Aufwertung Jünkeraths zu einem Groß-Bw durch die Angliederung Kreuzbergs und vor allem Gerolsteins, ziehen die ersten dunklen Wolken am “Bw-Himmel” auf.

 

1961 muss Jünkerath die Loks der Baureihe 50 an das Bw Ehrang abgeben, eine von dem eventuell bevorstehenden Direktionswechsel ebenfalls nicht betroffene Dienststelle. “Schmerzlindernd” wirkt sich dabei nur aus, dass die Einsätze weiter von Jünkerather Dienststellen (auch Kreuzberg und Gerolstein) aus erfolgen.

 

Auch die nächste Verbesserung wirkt sich im Nachhinein sicher nicht positiv auf die Erhaltung des Bw aus. Die ersten Dieselloks der Baureihe V 100 treffen in Jünkerath ein, werden aber in Gerolstein stationiert. Die Vermutung, die BD Saarbrücken wolle das Bw Jünkerath nicht noch einmal wie 1937 “mit allem Drum und Dran” an die BD Köln abgeben, erhält neue Nahrung. Dann lieber vorher auflösen und die anfallenden Leistungen nach Gerolstein verlagern.

 

Hoffnung setzen die Jünkerather Eisenbahner auf die Versprechung, den Dampflokbetrieb weiterführen zu können, da die Kesselfristen vieler Loks erst 1972 auslaufen. Doch die Versprechungen erweisen sich als Schall und Rauch. Viel früher als notwendig scheidet die Dampflok endgültig aus dem Dienst. Am 25. Mai 1966 erbringt die 39 204 ihre letzte Leistung. Mit den beiden 86 581 und 86 586 verschwinden die letzten Dampfloks das Bw Jünkerath endgültig am 22. Juni 1966.

 

Am 24. September 1966 kann sich die Dienststelle zum letzten Mal “Bw Jünkerath” nennen. Das Ende ist da. Am folgenden Tag erfolgt die offizielle Auflösung als Dienststelle. Das sichtlich bevorzugte Gerolstein hat den “Kampf” gewonnen. Ab jetzt bezeichnet sich Jünkerath als “Bw Gerolstein, Außenstelle Jünkerath”. Aus Saarbrücker Sicht kann nun der Direktionswechsel kommen.

 

Der Niedergang ging weiter. Von fast 500 Beschäftigten im Jahre 1939 bleibt im Jahre 1971 nur noch ein kläglicher Rest von 46 Bediensteten übrig. Zum 1. Juni 1971 erfolgte dann der Wechsel von der BD Saarbrücken zur BD Köln.

 

Zunächst scheint es wieder aufwärts zu gehen. Die Lokleitung erhält einen neuen Putz. Das als baufällig erklärte Dach des Rechteckschuppens kann auch unter erheblicher Eigenleistung wieder hergestellt werden. Jünkerath bleibt Wendebahnhof für Trierer und Kölner Loks. Sogar Ehranger 44er stellen sich zweitweise in Jünkerath ein, nachdem sie den abendlichen Ng gebracht haben. Die Personale schlafen 1971 noch in der “großen Übernachtung”.

 

Jünkerather Personal fährt nun auf Dieselloks der Baureihen 211, 212 und 216 und bespannen damit D-, Eil- und Personenzüge auf der Hauptstrecke zwischen Köln und Trier. Auf der Strecke bis Losheim und in Richtung Dümpelfeld erbringen sie ihre Leistungen vor Übergaben.

Doch vieles, was früher einmal zur Unterhaltung von Dampfloks unverzichtbar war, hat seinen Zweck verloren. Der Ringlokschuppen, die Kamine, das Verwaltungsgebäude und auch die Wagenwerkstatt werden überflüssig. Sie fallen nach und nach dem Bagger zum Opfer.

 

Übriggeblieben ist - weil sich ein privater Mieter dafür fand - nur der Langlokschuppen. Bw Jünkerath ? - Es war einmal.

Schließen möchten wir diesen Bericht mit einem Text von Karl-Ernst Maedel, Eisenbahnfreund, Fotograf, Herausgeber verschiedener Eisenbahn-Bildbände und -Zeitschriften. Er erinnert sich in seinem Buch “Dampf überm Schienenstrang”:

 

“Mit der Anzahl der Dampflokomotiven geht auch die Zeit der Bahnbetriebswerke, Bw genannt, zurück. Einer meiner liebsten Besuchsstätten existiert nicht mehr, das Bw Jünkerath in der Eifel. Gleich gegenüber dem Bw bot in dessen letzten Jahren das neuerbaute Hotel Kyllklause angenehme Unterkunft. Vom Giebelfenster aus genoss man einen wunderbaren Blick über das ganze Bahngelände. Des Abends, wenn Stille über dem Land lag, saßen wir noch lange am offenen Fenster und blickten in die Dämmerung hinaus. Oder wir legten uns bei weit geöffneten Fensterflügeln zur Ruhe, müde von den Ereignissen des Tages. Je tiefer die Stille der Nacht das Land umfing und alle Geräusche des Tages verstummten, um so deutlicher und klarer vernahm man vom Lokschuppen herüber das feine Singen und Säuseln, das Atmen der dort vor den Toren stehenden Lokomotiven, vielleicht eine 39er, eine 50er, eine 86er. Dann sangen die ruhenden Dampfrösser ihr nächtliches Lied, eine wunderbar zarte, beruhigende, einschläfernde Melodie, so, als schritte eine gute Fee über das Land und streichele mit ihren linden Händen die Schläfen, um ihren müden Seelen den Frieden Gottes zu bringen.

 

Wir werden sie nie mehr singen hören, die ruhenden Lokomotiven...”

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