Rückblick auf die Hochwasser-Katastrophe 2021
15.07.2021 - Zerstörung des Eisenbahnmuseums Jünkerath
Heute vor fünf Jahren war der wohl schwärzeste Moment unserer Vereinsgeschichte: die Hochwasserkatastrophe, die über 180 Menschenleben gekostet und immense Schäden in mehreren Regionen Deutschlands verursacht hat, traf auch unser Eisenbahnmuseum am alten Standort im Keller des Eisenmuseums am Römerwall in Jünkerath.
Meinen Artikel dazu in der damaligen Rubrik "aktuell" unserer Homepage habe ich folgt eingeleitet:
"Liebe Eisenbahnfreunde!
Die Hochwasserkatastrophe vom 14./15.07.2021 hat auch die Eisenbahnfreunde Jünkerath getroffen. Das Eisenbahnmuseum in Jünkerath gibt es nicht mehr."
Als mich die ersten Bilder aus Jünkerath erreichten, konnte ich es kaum glauben. Das Wasser hatte unser Museum komplett überflutet und war sogar noch in die über uns gelegenen Räume des Eisenmuseums eingedrungen. Der Schock saß tief. Gedanken schossen durch den Kopf: hunderte historische Pläne, unsere Kursbuchsammlung, die Literatur, Dienstvorschriften, Lehrbücher, die Dienstmützensammlung... sollte das, was wir über viele Jahre gesammelt und aufgebaut hatten, in dieser einen Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 zerstört worden sein? Wie würde es weitergehen?
Dann kamen die Selbstvorwürfe. Hätte man es ahnen können? Die Wetterberichte in Fernsehen, Radio und Internet hatten Hochwasser in der Eifel angekündigt.... aber in Jünkerath? Es wäre so einfach gewesen, die wichtigsten Dinge zu retten. Zum Zeitpunkt der Katastrophe standen uns die neuen Räumlichkeiten in Jünkerath-Glaadt bereits zur Verfügung. Allerdings hatten wir entschieden, die neuen Räume erst zu renovieren und erst dann unsere ganzen Exponate umzuziehen. In den Wochen zuvor hatten wir den Umzug vorbereitet. Alles, was an den Wänden gehangen hatte, war abgebaut, Literatur und andere Dinge in Umzugskisten verpackt. Wir saßen sozusagen auf gepackten Koffern. Die bereits erfassten Pläne lagen - vermeintlich gut geschützt - in den stählernen Planschränken. Im Lagerraum befanden sich allerdings noch viele Pläne, die wir erst kürzlich bekommen und noch nicht gesichtet und erfasst hatten. Hätten wir das Unglück geahnt, hätten wir zumindest die wichtigsten Dinge retten können. Ich haderte mit mir, mit uns und dem Schicksal.
Die ersten Bilder zeigten die Situation von außen. Am Verputz des Gebäudes sah man, wie hoch das Wasser gestanden hatte. Die Fernsprechbude, die neben dem Museumsgebäude gestanden hatte, lag nun in der Garageneinfahrt auf der Rückseite des Gebäudes. Fenster und Türen waren eingedrückt.
Die Jünkerath Vereinskollegen waren schon da und organisierten Hilfe und Material.
Die Feuerwehr pumpte das Wasser ab und am 16. Juli konnten wir zum ersten Mal unsere Räume betreten. Alles war mit einer feinen Schlammschicht bedeckt. Das von den Decken tropfende Wasser, der Geruch von kaltem, nassem Schmutz, das künstliche Licht, das wir uns mit Hilfe eine dieselbetriebenen Stromgenerators und mit Akkulampen verschafften hatten... die Atmosphäre war bedrückend. Dazu das Chaos, welches uns in den Räumen begegnete: dort, wo einmal unsere Dienstmützensammlung zu sehen war, lag ein Baumstamm, überall lag alles kreuz und quer durcheinander. Schaufensterpuppen, die über die Räume verteilt waren, vermittelten ein schauriges Bild. Doch zum Glück sind bei uns keine Menschen zu Schaden gekommen. Zwei Vereinskollegen, die am Abend des 14. Juli 2021 noch im Museum waren, um nach dem Rechten zu sehen, wurden zum Glück angerufen, um anderswo zu helfen. Wären sie zu dem Zeitpunkt, als die schlammige Brühe eindrang, noch im Museum gewesen, hätten sie wohl keine Chance gehabt, lebend herauszukommen.
Nach und nach wurde das ganze Ausmaß der Katastrophe deutlich.
Das Aufräumen
Nun ging es ans Aufräumen. Zum Glück spielte das Wetter jetzt mit. Es war trocken und warm. Also alles erst mal raus aus den nassen Räumen. Draußen wurde entschieden, ob die Exponate noch verwertbar waren oder gleich entsorgt werden sollten. Mit einem Traktor wurde das, was nicht mehr zu verwenden war, auf den Müllsammelplatz gefahren, den die Gemeinde eingerichtet hatte. Die auf den ersten Blick verwertbaren Dinge wurden grob gereinigt und in das leerstehende Bahnhofsgebäude von Jünkerath gebracht.
Die Hilfsbereitschaft war enorm. Menschen, die ich zum Teil noch nie zuvor gesehen hatte und die oft keine große Beziehung zur Eisenbahn hatten, kamen mit Schaufeln und anderem Gerät und fragten, wo sie anpacken sollten. Andere wiederum kamen mit Getränken und Essen. Wenn man auch manchmal denkt, dass die Gesellschaft immer egoistischer wird: in der Not hält man zusammen. Die Hilfsbereitschaft war eine tolle Erfahrung, die uns Halt und Optimismus gab.
Die erste Phase der Aufräumarbeiten dauerte mehrere Tage. Unser besonderes Augenmerk galt den Plänen und anderen wertvollen Exponaten wie Betriebsbücher von Dampflokomotiven, Tunnelbücher etc. Die Pläne wurden vorsichtig gereinigt und getrocknet. Die übrigen erhaltenswerten Dokumente wurden ebenfalls gereinigt, in Müllbeutel gepackt und in Tiefkühltruhen, die uns von der Firma Peters aus Lissendorf zur Verfügung gestellt worden waren, eingefroren. Sie sollten später gefriergetrocknet werden.
Mehr als eine Woche nach der Flut war alles geräumt und die Exponate bzw. das, was davon übrig war, entweder im Bahnhofsgebäude oder auf dem großen Müllhaufen.
Die Bilanz war gemischt: positiv war, dass viele Pläne gerettet werden konnten und das Unglück dank der Lagerung in den Planschränken und der vorsichtigen Reinigung ganz gut überstanden haben. Allerdings: alle Vitrinen waren zerstört, ebenso nahezu die komplette Literatursammlung mit Dienstvorschriften, Lehrbüchern und Sekundärliteratur. Einige der Dienstmützen aus unserer eindrucksvollen Sammlung waren verschwunden oder so beschädigt, dass sie nicht mehr zu retten waren. Auch dem wunderschönen H0-Modell des Bahnbetriebswerks Jünkerath hatte das Hochwasser so zugesetzt, dass nur noch die Entsorgung blieb. Ein Dampflok-Betriebsbuch war nicht mehr aufzufinden, die Fahrkartensammlung stark beschädigt. Die ganzen historischen Pläne, die sich nicht in den Planschränken, sondern im Lagerraum befanden, wurden ebenfalls zerstört bzw. waren nicht mehr aufzufinden.
Die Auflistung ist nicht vollständig, macht aber deutlich, wie sehr uns die Katastrophe getroffen hat.
Damit war das Aufräumen natürlich noch lange nicht beendet. Die Arbeiten sollten noch Monate dauern. Alles, was noch zu gebrauchen war, musste gründlich gereinigt, teilweise repariert, teilweise entrostet oder auf andere Art und Weise aufgearbeitet werden. Die Stunden, die von mehreren Vereinsmitgliedern in diese Arbeiten investiert worden sind, kann man nicht zählen.
Es muss weitergehen
Schnell war klar, dass wir nicht aufgeben würden. Wir wollten weitermachen. Es war noch genug übriggeblieben, um ein neues Museum an unserem neuen Standort in Glaadt aufzubauen. Natürlich würde es viel Arbeit und viel Geld kosten.
Was die finanzielle Seite betrifft, haben wir damals im Vorstand früh entschieden, dass wir nicht öffentlich um Spenden werben wollen. Die Menschen an der Ahr, an der Erft und anderswo hatten teilweise Angehörige und privates Eigentum verloren und standen vor dem Nichts. Wir hatten "nur" Vereinseigentum verloren und es würde irgendwie weitergehen.
Tatsächlich ging es besser weiter, als wir erwartet hatten. Finanziell wurden wir durch Institutionen unterstützt, die eigens für Vereine Fördertöpfe zur Verfügung stellten. Doch auch viele Privatleute spendeten. Unser Fernsehauftritt in der SWR-Sendung Eisenbahnromantik führte dazu, dass Eisenbahnfreunde in ganz Deutschland auf unser Schicksal aufmerksam wurden. Manche riefen an und stellten private Exponate zur Verfügung. Auch die lokale Politik engagierte sich für uns. Einmal mehr zeigte sich die Hilfsbereitschaft in der Not.
Das gab unserer Motivation natürlich nochmal einen kräftigen Schub. Unermütlich arbeiteten einige Vereinsmitglieder daran, das neue Museum aufzubauen und am 2. Juni 2024, fast drei Jahre nach der Flut, war es soweit: wir konnten die Wiedereröffnung des Eisenbahnmuseums Jünkerath feiern.
Ein großes Dankeschön!
Fünf Jahre nach der Flut sind wir wieder da... und ich würde behaupten, dass wir gestärkt aus der Katastrophe hervorgegangen sind. Das haben wir nicht nur uns selber zu verdanken, sondern vielen Menschen, die uns in diesen fünf Jahren auf unterschiedlichste Weise begleitet und geholfen haben.
All diesen Menschen sagen wir auch an dieser Stelle noch einmal ein ganz herzliches Dankeschön!



























