Gerettet für die Zukunft – DEMAG-Pläne verlassen Jünkerath
DEMAG-Pläne aus Jünkerath haben eine neue Heimat gefunden
Im Frühjahr 2010 standen wir in einem staubigen Archivraum des damaligen Jünkerather DEMAG-Konstruktionsbüros und wussten: Wenn wir jetzt nicht handeln, verschwindet ein wichtiges Stück Industriegeschichte im Reißwolf. Tausende Konstruktionszeichnungen aus mehr als 100 Jahren Unternehmensgeschichte lagerten damals noch in Schränken und Schubladen – und sollten nach der Schließung des Büros vernichtet werden.
Wir sind als Eisenbahnfreunde Jünkerath eigentlich nicht für die Bewahrung von Unterlagen aus der eisenverarbeitenden Industrie zuständig. Aber tatenlos zusehen konnten wir damals nicht. Also retteten wir in zwei arbeitsreichen Tagen so viele Pläne, wie in der kurzen Zeit möglich war. Lagepläne, Zeichnungen von Roheisenwagen, Unterlagen zu maschinellen Anlagen und zahlreiche Detailzeichnungen einzelner Bauteile fanden so den Weg in unsere Obhut.
Jünkerath ohne Eisenbahn und Eisenverarbeitung? Kaum vorstellbar
Dass uns diese Unterlagen nicht gleichgültig sein konnten, hat mit der Geschichte unseres Ortes zu tun. Seit 1687 wurde in Jünkerath Eisen verarbeitet. Mit dem Eisenbahnanschluss im Jahr 1870 begann schließlich der industrielle Aufstieg. Über mehr als ein Jahrhundert prägten die Eisenbahn und die DEMAG mit ihren Vorgänger- und Nachfolgeunternehmen das Leben im Ort. Sie waren die wichtigsten Arbeitgeber und haben Jünkerath in besonderer Weise geformt.
Bis heute zeugen davon das Empfangsgebäude des Bahnhofs Jünkerath, die Sandsteinhäuser der Rheinischen Eisenbahn, die Kolonie im Ortsteil Glaadt und der Roheisenpfannenwagen, den wir im vergangenen Jahr an seinen neuen Standort gegenüber vom Jünkerather Bahnhofsgebäude gebracht haben. Umso schmerzlicher ist es, dass diese Epoche inzwischen endgültig zu Ende gegangen ist. Während der letzte Eisenbahner den Bahnhof Jünkerath bereits 2006 verließ, endete die Geschichte der Eisenverarbeitung am Standort Jünkerath mit der Schließung der Gießerei Ende Januar 2023.
Jahre in der Übergangslösung
Die 2010 geretteten Pläne lagerten seitdem in zwei Planschränken in einem Nebenraum der ehemaligen Bahnhofsgaststätte in Jünkerath. Was zunächst nur als Notlösung gedacht war, wurde – wie so oft – zu einer längerfristigen Zwischenstation. Gleichzeitig blieb die Frage offen, wie sich dieses technische Erbe dauerhaft sichern ließe.
Unsere Möglichkeiten als Eisenbahnmuseum sind begrenzt, und in der Region fand sich leider niemand, der bereit oder in der Lage gewesen wäre, die Unterlagen dauerhaft zu übernehmen und fachgerecht zu archivieren. Dabei handelt es sich keineswegs um irgendein Papierlager, sondern um wichtige Zeugnisse der Jünkerather Industriegeschichte – und damit auch der Geschichte unserer Region.
Suche nach einer neuen Heimat
Weil die ehemalige Bahnhofsgaststätte in diesem Jahr abgerissen werden soll, musste für die Pläne nun endgültig eine neue Lösung gefunden werden. Zunächst wandten wir uns an das Landeshauptarchiv in Koblenz. Dort zeigte man durchaus Interesse, machte aber auch deutlich, dass nur ein kleiner Teil des Bestandes übernommen werden könnte.
Auf Empfehlung des Rheinisch-Westfälischen Wirtschaftsarchivs in Köln nahmen wir schließlich Kontakt mit dem Mannesmann-Archiv in Mülheim an der Ruhr auf, in dem auch DEMAG-Unterlagen verwahrt werden. Nach mehreren Gesprächen stand fest: Das Archiv würde die Jünkerather Pläne übernehmen.
Ganz ohne Einschränkung ist eine solche Übernahme allerdings nicht möglich. Auch im Mannesmann-Archiv wird geprüft, welche Unterlagen dauerhaft archivwürdig sind. Dennoch war für uns entscheidend, dass der Bestand in ein fachlich zuständiges Archiv gelangt und damit nicht vollständig verloren geht.
Übergabe am 25. Juni 2026
Am 25. Juni 2026 war es schließlich so weit: Frau Dr. Kornelia Rennert und ihr Mitarbeiter Stefan Gigga vom Mannesmann-Archiv kamen nach Jünkerath, um die geretteten Pläne zu übernehmen. Gemeinsam räumten wir die Schubladen der beiden großen Planschränke aus und verluden sämtliche Unterlagen in den mitgebrachten Kleintransporter. Die weitere Sichtung und archivische Bewertung erfolgt nun in Mülheim an der Ruhr.
Neben den Plänen wechselten auch noch einige interessante Bücher und Ordner den Besitzer. Besonders die Auftragsbücher aus dem vergangenen Jahrhundert sind interessant. Sie zeigen, dass die Produkte der Jünkerather Maschinenfabrik in alle Welt exportiert wurden.
Im Anschluss an die Verladung blieb noch Zeit für einen kurzen Besuch in unserem Eisenbahnmuseum und für anregende Gespräche über Eisenbahn, Eisenindustrie und die Geschichte Jünkeraths.
Ein Stück Jünkerather Industriegeschichte bleibt erhalten
Natürlich hätten wir uns gewünscht, dass dieses Erbe in Jünkerath oder zumindest in der Region hätte bleiben können. Doch unter den gegebenen Umständen überwiegt die Erleichterung. Die Unterlagen sind nun dort, wo man ihre Bedeutung fachlich einordnen, bewahren und mit anderen DEMAG-Beständen zusammenführen kann.
Einige wenige Pläne haben wir für unsere Sammlung behalten. Auch die in der Lehrwerkstatt der DEMAG gefertigten 1:20-Modelle der Roheisenwagen können weiterhin in unserem Eisenbahnmuseum besichtigt werden. Der große Bestand an Konstruktionszeichnungen aber ist nun in guten Händen – und damit hoffentlich für die kommenden Jahrzehnte gesichert.
Mit der Übergabe endet für uns eine lange Geschichte, die 2010 mit einer Rettungsaktion in letzter Minute begann. Dass ausgerechnet Eisenbahnfreunde einen Teil des technischen Erbes der Jünkerather Eisenverarbeitung sichern mussten, ist eigentlich bemerkenswert genug. Umso mehr freuen wir uns, dass diese Unterlagen nun eine dauerhafte Heimat gefunden haben.















